Nicht fair! Das Ungleichgewicht im Diskurs über persönliche Gewichtsschwankungen
Ich möchte mal wieder einen Beitrag zur Geschlechterdebatte leisten. Ich möchte öffentlich über meine Gewichtsschwankungen reden.

Der »gesellschaftliche Diskurs« über persönliche Gewichtsschwankungen wird immer noch klar von Frauen meist mäßiger und fast immer unberechtigter Prominenz dominiert. Man kann beim Friseur in keiner Gala und keiner Bunten in Ruhe den politischen Kommentar lesen, ohne dass einen großformatige Hochglanzbilder einer moppelig gewordenen Jessica Simpson (die Schwangerschaft!) oder einer runtergehungerten Lindsay Lohan (Liebeskummer!) anspringen. Der Jojo-Effekt! 15 kg runter in 4 Wochen! Die South-Beach-Diät! Ihr neuer Personal Trainer! Läuft da etwa was mit ihm?!

Das ist doch Wahnsinn. Diese Art des Journalismus ist doch total reaktionär und vermittelt uns ein vollkommen verzerrtes Bild der Realität. Wie kann es sein, dass wir uns in emanzipierten Zeiten immer noch öffentlich über die Ausmaße von Frauenkörpern auslassen? Wo ist denn da die Gleichberechtigung?!

Wir Männer haben auch ein Recht auf überzogene, voyeuristische Berichterstattung über unsere Gewichtsschwankungen, verdammt. Abgesehen von wenigen Ausnahmen (Joschka!, auch in der Hinsicht ein Vorreiter) wird diese Problematik von der Gesellschaft und den Medien schön unter den Teppich gekehrt und wir Männer stehen da ohne eine männliche Heidi Klum, die uns versichert, dass auch wir den Jojo-Effekt besiegen können, wenn wir es nur wollen.

Das ist nicht fair. Und um dieses zum Himmel schreiende (bzw. gerade nicht) Tabu zu brechen, werde ich – männlich und (noch) nicht prominent – öffentlich und ungeschminkt (ich musste heute noch nicht raus) über meine Gewichtsschwankungen reden. Es fällt mir nicht leicht, aber ich sage es gleich, dann ist es raus:

Ich habe zugenommen. 2,5 Kilogramm in 3 Monaten! Und das… <wischt sich eine Träne weg> ist nur die halbe Wahrheit. <hier als Leser bitte schockiert gucken> Tatsächlich habe ich in den letzten 4 Jahren… <close-up shot vom Gesicht> 14 Kilogramm zugenommen! <hier als Leser nach Luft schnappen> Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Gestern war ich noch ein schlanker Jungspund mit keinem Gramm Fett (oder Muskeln) zu viel: 68 Kilogramm – Idealgewicht! Dann ging es Schlag auf Schlag:

USA-Urlaub im Sommer 2008 – danach waren es auf einmal 71 Kg! Praktikum in einer Unternehmensberatung, Anfang 2009 – und schon war ich bei… ich kann es kaum aussprechen, 72,5 Kg! Berufseinstieg, ein halbes Jahr gearbeitet und, ich gebe es ja zu, zu wenig Sport gemacht – 76 Kg im Mai 2011. Ich dachte, da hätte ich den Tiefpunkt erreicht und schwor mir in dem Moment, ins Fitnessstudio zu gehen. Was ich schneller nicht hätte umsetzen können:  Ich stand in dem Moment in der Umkleide eines Fitnessstudios, in dem ich mich gerade angemeldet hatte, und wog mich zum ersten Mal seit Monaten.

Ein traumatisches Erlebnis, keine Frage. Doch ich dachte, ich hätte die Sache jetzt im Griff, schließlich ging ich von da an regelmäßig 3 Mal pro Woche zum Trainieren. In der Zeit fing ich auch einen neuen Job an und ein paar Monate später bestieg ich erneut die schicksalhafte Waage im Umkleideraum: Noch bevor ich einen Satz leg press gemacht hatte, brach mir der Schweiß aus… 79,5 Kg!

Putenschnitzel und Eiweiß-Shakes hin oder her – mir war klar, dass man in der kurzen Zeit nicht über 3 Kg reine Muskelmasse aufbaut. Ich hatte also wieder… <dramatische Streicher> zugenommen. Ich konnte es nicht glauben, dass ich die 80Kg beinahe geknackt hatte, aber jetzt ergab es natürlich auf einmal Sinn, dass mir der Abiball-Anzug bei der Hochzeit eines werten Freundes nicht mehr gepasst hatte. Alptraum!

Ich wünschte, das wäre das Ende dieser Horrorstory… doch dann kamen die anfangs erwähnten 3 Monate, in denen ich noch einmal 2,5 Kg zulegte,  und so landete ich vor einigen Wochen bei 82 Kg! Bei der Körpergröße…! Das sieht ja aus…!1 Ich habe mir prophylaktisch schon einmal eine Kundenkarte von Big Bock Herrenmode besorgt, der Weg dahin ist nicht mehr weit. Hoffentlich ist er nicht weit, weite Wege strengen mich neuerdings so an…

Was ich nur sagen will: Gleichberechtigung ist, wenn jeder – Mann oder Frau, prominent oder nicht – das Recht hat, öffentlich über seine Gewichtsschwankungen zu reden und dafür Aufmerksamkeit bekommen kann, und wenn idealer Weise niemand von diesem Recht Gebrauch macht, weil persönliche Gewichtsschwankungen scheiße uninteressant sind, und nichts anderes. Was es zu beweisen galt.

Und jetzt schnell weiter mit dem politischen Kommentar zu den NRW-Wahlaussichten der drolligen kleinen aufstrebenden Partei der Stunde: der FDP.

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  1. (Anm. d. Red.: Der Autor misst etwa 1,88m und muss zum ersten Mal in seinem Leben in der Dusche nicht mehr hin und her springen um von Wassertropfen getroffen zu werden. Eine grenzpathologische Unfähigkeit, in Cafés einen Cappucino zu bestellen ohne gleich ein Stück Kuchen mitzubestellen, und viele an der hassgeliebten Multipresse verbrachte Trainingsstunden mögen gleichmaßen dazu beigetragen haben. Es geht ihm jedenfalls gut: Er fühlt sich bestens und wird in Zukunft seine eat-whatever-the-fuck-you-want-Diät um mehr Salat ergänzen. Dieses wird ihm die Sicherheit und die Freiheit geben, die er braucht.)
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This article has 3 comments

  1. Hans Montesquieu Reply

    Wir wollen Fotos vom Verfall des Körpers sehen :P

  2. Philipp Nagels Reply

    Ich möchte nicht mehr verraten als auf dem Artikelfoto zu sehen ist… ;-)

  3. Pingback: A Fate Worse Than Death* – Ein Freitagabend mit dem Tatort | PIECES OF A MAN

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