Expect the expected – Das Boyz II Men Konzert

Es ist wie zum ersten Mal bei einem guten Italiener Spaghetti Bolognese zu bestellen: Wenn die Pasta so schmeckt, wie man sie zigfach selbst zu Hause zubereitet hat, das Geschmackserlebnis also genau den bisherigen Erfahrungen entspricht, ist man enttäuscht – schließlich zahlt man auswärts dafür, dass die bisherigen Erfahrungen übertroffen werden.

Again, men should be wearing suits

Also, das Boyz II Men Konzert. Als  Mann, alleine, zu einem Boyz II Men Konzert zu gehen, ist ungefähr so, wie als Mann, alleine, orangefarbene Dandysocken zu einem rotkarierten Anzug zu tragen: extrem schwierig off-zu-pullen1, aber bei Gelingen ziemlich stark und ein offensichtlicher Ausweis ungebändigter, roher Männlichkeit, die sich nimmt, was sie braucht und generell keinen Fick gibt.

Das versuchte ich mir zumindest einzureden, als ich kürzlich die senfgelben Lackschuhe anlegte und mich eilig auf den Weg Richtung Columbiahalle machte, um bloß noch einen guten Platz nahe der Bühne zu ergattern (was nicht gelingen sollte). Die entscheidende Frage, ob eher ein Monatsvorrat an Papiertaschentüchern oder ein einziges großes Stofftaschentuch (die Umwelt!) mitzunehmen seien, hatte viel Zeit gekostet und die Wege in Berlin, ach, sie sind ja so lang, das glaubt man ja gar nicht, wenn man auf die Karte guckt.

Menschen definieren sich stark über ihre soziokulturellen Bezugsgruppen, ihre Peers. Ich definierte mich an diesem Abend stark über 45jährige, nicht-ganz-so-jung gebliebene Mütter und ihre 15jährigen, sehr jung gebliebenen Töchter, über 5er-Gruppen von halb-ironisch kreischenden Endzwanzigerinnen und über verliebte Päarchen, für die Songtexte wie ‚Close your eyes / Make a wish / And turn on the candlelight‘ gerade ziemlich viel Sinn ergeben. Ich hätte also nicht weniger auffallen können, außer, ich hätte wie meine Peers 70% der Songs mitsingen können. Na gut, ich konnte 70% der Songs mitsingen, doch übte mich großzügig in Verzicht. Orangefarbene Socken zu tragen, heißt nicht, sich bei jeder Gelegenheit das Hosenbein hochziehen zu müssen.

You better get your gesturing game going, if you wanna pull off lyrics like 'I'll make love to you / Like you want me to / And I hold you tight / Baby, all through the night'

Also tendenziell natürlich alles Anlass, seinem Leben einige grundsätzliche Fragen zu stellen, aber das Konzert war ja auch noch mit Musik. Und Vorprogramm. Letzteres sei in seiner unsäglichen Dämlichkeit kurz gewürdigt: Zwei Rapper-Verschnitte/Radio-Moderatoren von JamFM – John und Rasheed – versuchten, die Stimmung anzufachen, indem sie geschlagene 20 Minuten damit füllten, erst das Publikum in zwei Hälften zu teilen, sich dann zu »batteln«, wessen Hälfte lauter »Fuck Rasheed« bzw. »Fuck John« schreien könne und schließlich von einem zuverlässig bekifften Das Bo entscheiden zu lassen, wer der Verlierer sei und als Strafe eine Mischung aus rohen Eiern, Essig und weiteren, ohoho, ekelhaften Zutaten zu trinken habe. Am Ende der ZWANZIG Minuten war die grundsätzliche Frage an mein Leben: Soll ich mich jetzt auf der Stelle anzünden, oder gehe ich dafür eben auf die Toilette? Ladies and Gentleman … give it up for John and Rasheed, two of the unfunniest, least talented opening acts we could possibly find! And now please welcome the Grammy Award winning, multi-platinum selling.. BOYZ II MEN! Immerhin, sogar die stereotyp agitierten HipHop-Spasemacken vor mir fingen nach 10 Minuten an zu buhen. Deutschland, dein Publikum ist besser als deine Radiomoderatoren, sage ich da.

Na gut, Mund abwischen und weiter warten. Es mag sein oder nicht, dass ich Boyz II Men vor gut drei Jahren in Stamford schon einmal live erlebt habe oder zu viel Zeit damit verbringe, mir auf YouTube Konzertmitschnitte anzugucken, jedenfalls hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung, was mich erwarten würde, und sie wurde voll erfüllt. Was … gut ist?

Nun, ein nicht so überragender Platz im mittleren Drittel, die Musik kommt vom Band (wie üblich bei Boyz II Men Konzerten), die Stimmen sind live (immer noch stark, allerdings etwas über den Zenit hinaus) und die Setlist umfasst neben ein oder zwei neuen Songs vor allem die bewährten fan favorites (Water Runs Dry, Hard To Say Goodbye, End Of The Road, etc) aus der langen, rekordgespickten Bandgeschichte2. Die lustigen 90er-Jahre Outfits sind inzwischen maßgeschneiderten Anzügen gewichen, aber sonst kommt einem vieles bekannt vor: Wie vor 20 Jahren eröffnet Nathan Morris die meisten Songs, Shawn Stockman übernimmt die zweite Strophe und Wanya Morris wirft sich mit allem, was er (noch) hat in die Bridge. Die Harmonien zwischen den drei Stimmen sind immer noch auf den Punkt, die lässig eingestreuten Choreographien bei schnelleren Motown-Covers wirken unangestrengt und machen Freude. Funktionierte damals, funktioniert auch heute noch. Erwartung erfüllt.

Einerseits. Andererseits: Wie groß muss der Unterschied zwischen einem Konzerterlebnis und dem Anschauen von ein paar YouTube Mitschnitten guter Qualität sein, um einen Ticketpreis zu rechtfertigen? Sagen wir so: Wenn man ein Konzert ohne Liveband von einem mittelmäßigen Platz aus erlebt und bereits haufenweise Videos von live Auftritten der Band gesehen hat, wird es sehr schwierig, auf den emotionalen Gegenwert von 40 Euro zu kommen.

Wanya Morris: 20 years of insane vocal acrobatics and counting

Es ist eine Crux: YouTube ermöglicht es uns, an zahllosen grandiosen Musikerlebnissen »teilzuhaben«, die uns früher vorenthalten geblieben wären. YouTube kann uns aber auch die Möglichkeit nehmen, ein Konzert, das wir tatsächlich besuchen, in schöner Verklärung als singulär und besonders zu erleben. Es lässt die Vorfreude und die Erwartungen im Vorfeld eines Konzerts wachsen, aber es macht es gleichzeitig schwieriger, nicht enttäuscht zu sein, wenn die schon sehr konkreten Erwartungen während des Konzertes »nur« erfüllt werden.

So oder ähnlich versuchte ich also, mir auf dem Weg zur U-Bahn zu erklären, warum das Konzert irgendwie nur ganz okay gewesen war. Meine Familienpackung Tempos war frappierend ungeöffnet geblieben, die meiner Mutti-und-Teenie-Peers nicht so sehr. Vielleicht hatten sie weiter vorne an der Bühne gestanden oder vorher weniger Videos geguckt. Jedenfalls konnten sie den Heimweg in der schönen Seligkeit antreten, ein tolles Konzert gesehen zu haben ohne sich der aufdrängenden Frage erwehren zu müssen, ob vielleicht nicht nur YouTube schuld war an dem eher moderaten Erlebniswert, sondern auch … die hingebungsvoll verehrten Musiker selbst?

Hmm … ok, die spannende Frage ist natürlich: Wie viel künstlerische Weiterentwicklung  erwarten wir von unseren Lieblingsbands und -sängern? Und wie viel künstlerische Weiterentwicklung vertragen wir?

Bei Boyz II Men bekommt man seit 20 Jahren im Wesentlichen dasselbe serviert, dieses aber auf hohem Niveau. Über die Jahre wurde das Rezept vielleicht etwas verfeinert und die eine oder andere neue Zutat hinzugenommen (die Cover-Alben der vergangenen Jahre), aber wer live überwältigt werden möchte, sollte entweder aufhören, zu Hause Bolognese zu kochen oder das nächste Mal zum Asiaten gehen.

[Anm. der Red.: Der Autor legt Wert auf die Feststellung, weder orangefarbene Socken noch senfgelbe Lackschuhe sein Eigen zu nennen. Beide Optionen möchte er sich jedoch für seine midlife crisis in 20 Jahren offen halten.]

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  1. Wir brauchen offensichtlich ein gutes deutsches Äquivalent zum englischen to pull off sth. Vorschläge sind willkommen.
  2. Unter anderem über 60 Millionen verkaufte Alben, 13 Wochen in Folge auf Nr. 1 der amerikanischen Billboard Charts (Rekord für eine Single) und 4 Grammys
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