Die X-Nazi-Theorie und die Diskriminierung von Onanierern
Jetzt wo ich 27 bin, muss ich aufhören, wild und zügellos in den Tag zu leben, ich muss anfangen, mir Gedanken zu machen über meine legacy. Etwas Bleibendes schaffen, woran sich die Leute in 100 Jahren erinnern werden, wenn sie meinen Namen hören.

Ich könnte z.B. mal eine neue psychologische Persönlichkeitstheorie begründen. Da passiert eh zu wenig in den letzten Jahren. Sie würde aus der Tradition der optimistischen humanistischen Persönlichkeitstheorien der 60er Jahre kommen und »X-Nazi-Theorie« heißen. Man kategorisiert die Menschen danach, wofür sie alles Nazis sind; ich wäre beispielsweise u.a. Rauchnazi, Musiknazi und Gute-Laune-Nazi. Schön, nicht? Eingängig. Elegant.

Dabei habe ich ja nicht mal per se was gegen Raucher. Ich finde nur, wir sollten nicht mit doppelten Maßstäben messen, wenn es darum geht, welche Rechte einer Gruppe zustehen, die für sich beansprucht, an möglichst vielen Orten frei ihrer Lust frönen zu können.

Deshalb fordere ich gleiche Rechte für Raucher und Onanierer. Es gibt extra Raucherlounges auf Flughäfen und Bahnhöfen, es gibt Raucherclubs zum abends rausgehen und es ist völlig normal, dass Raucher ein paar Mal pro Tag ihre Arbeit unterbrechen, um eine Raucherpause einzulegen. Alles vollkommen akzeptiert. Von wegen Diskriminierung von Rauchern… positive Diskriminierung vielleicht! Affirmative Action für Raucher.

Denn wo, bitte schön, sind denn die Onaniererlounges auf den Flughäfen? Wie oft pro Tag könnte man im Büro eine Onaniererpause einlegen, ohne komisch angeguckt zu werden? Soll ich mich jetzt noch beschweren über andere Leute, die sich daran stören, wenn man in ihrer Gegenwart onaniert?

Sobald diese Leute anfangen, Studien zu zitieren, die die angeblich gesundheitsschädliche Wirkung von Passiv-Onanieren nachweisen, werde ich auf der Stelle eine millionenschwere Lobby gründen, die Politiker wissenschaftlich objektiv berät und eigene Studien finanziert. Der Posten des Vice Head of Masturbation Consulting ist noch zu besetzen, branchenrelevante Erfahrung erwünscht. Millionengehalt!

Schließlich geht es um nicht weniger als das Recht der Menschen, das Recht des kleinen Mannes auf der Straße, sich zu entfalten und seine persönliche, verfassungsmäßig verbriefte Freiheit auszuleben, ohne dass der Staat, die Herren Politiker oder die moralinsauren Ökospießer in ihren Passivhäusern ihm vorschreiben, wie er sein Leben leben soll.

Ich bin kein kluger Mann, aber ich trage mein Herz am rechten Fleck und ich weiß, wenn etwas grundlegend falsch oder richtig ist. Es ist z.B. falsch, bei einer bestimmten Art von Menschenzusammenkünften auf Knopfdruck gute Laune haben zu müssen. Wir reden natürlich von Karneval, Familienfotos und Team-Ausflügen mit der Firma.

Ich kann mit relativer Sicherheit sagen, dass ich morgens im Zug nicht von Sitz zu Sitz laufen und den Kollegen rumblödelnd Sekt einschenken werde, wenn ich für einen 1-tägigen Ausflug mit Übernachtung um 4:30 nachts aufstehen musste und ungefähr 15Kg Gepäck mitschleppe. Nicht wahrscheinlich. Ein bisschen Smalltalk mit brummig-monotoner Stimme, ein bisschen halb-ironisch/halb-ernste Rumjammer-Witze machen über diese Zumutungen? Ok. Sekt und Luftschlangen? Eher nicht.

Ich möchte mir aussuchen, wann ich gute Laune habe, ich möchte es mir nicht durch situationsgemäße Konventionen vorschreiben lassen. Deshalb bin ich überzeugter Gute-Laune-Nazi und deshalb die X-Nazi-Theorie über alles, über alles in der Persönlichkeitspsychologie. Quod erat demonstrandum.

[Anm. d. Red.: Der Text ist ein Fragment aus dem Pieces Of A Man Vorgänger-Vehikel »Bohemian RapSodomie« und entstanden im Oktober 2011.]

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This article has 4 comments

  1. nutshatsinsich Reply

    Hmm. Vielleicht hängt die Sache mit der Onanie mit der generell eher verbreiteten Sozialphobie zusammen. Man will ja auch keine hässlichen Menschen sehen (wie in dem S-Bahn Dramulett leise durchklingt). Und Schwänze sind hässlich, zumindest für die meisten Männer. Das wäre meine Erklärung warum Schwänze und Zigaretten in der Gesellschaft einen etwas anderen Stellenwert haben. Allerdings bin ich da kompromissbereit, da ich einsehen muss die Einschätzung über fremde Schwänze ist etwas subjektiv. Daher finde ich das es durchaus mal einer Frage Bedarf. Ich meine: Hat sich bei Dir schon mal jemand beschwert weil Du wild-wichsend über den Flur gelaufen bist? Vielleicht genießen Deine Kolleginnen ja den Anblick und vielleicht ja auch ein paar der Kollegen. Wer weiß? Vielleicht vergessen Sie darüber ja sogar die nächste Raucherpause, und statt sich gegenseitig die Haare zu machen geht man sich in der kleinen Kaffeepause zwischendurch eben ein wenig zur Hand. Ich glaube eine bessere Welt ist möglich! (Im übrigen ist der Spaß morgens um 4.30 nicht so sehr davon abhängig ob Du jetzt Bock hast oder nicht, sondern ob Du depressiv bist oder nicht: http://www.netdoktor.de/Krankheiten/Depression/Therapie/Depression-Wachtherapie-10621.html)

  2. Philipp Nagels Reply

    Ich könnte mich absolut auf den Kompromiss einigen, dass es niemandem zumutbar ist, unfreiwillig passiv zu rauchen oder passiv zu onanieren und insofern keines von beidem in aktiver Form im beispielsweise Büroflur oder der Gemeinschaftsküche passieren sollte. Ich für meinen Teil, möchte mir weder das eine noch das andere angucken müssen, es sein denn, ich landete doch noch einen Job als whatever bei einem Shooting mit schwedischen Bikini-Models. Denn seien wir ehrlich: 95% der Bevölkerung (100% der Männer, 90% der Frauen) wollen wir nicht bei der Selbstbespaßung zuschauen. Übrigens auch nicht beim Rauchen. Denn tatsächlich sieht es bei den meisten Menschen auch nicht cool oder attraktiv aus, wenn sie rauchen. Klar, wenn man Don Draper ist, einen perfekt geschnittenen grauen Anzug trägt und Creative Director einer angesagten Werbeagentur ist … bitte, immer her damit. Kann ich mir stundenlang angucken. Alle anderen, nicht so sehr.

    Davon abgesehen, finde ich es aber nur folgerichtig zu sagen: Wenn Raucher während der Arbeitszeit Raucher-Pausen machen dürfen, allerdings nur in hässlichen Räumlichkeiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit, dann sollten Onanierer mit gleichem Recht Onanierer-Pausen machen dürfen, allerdings ebenfalls nur in hässlichen Räumlichkeiten, unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

    Wäre das nicht eine bessere, gerechtere (und befriedigtere) Welt? Ich sage ja.

    (Den Gedankensprung zur Wachtherapie konnte ich leider nicht nachvollziehen, was habe ich verpasst?)

  3. Austin Reply

    I appreciate, cause I discovered just what I was having a look for.

    You’ve ended my 4 day lengthy hunt! God Bless you man. Have a
    nice day. Bye

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