Wartezeit am Hbf Berlin: Hitlervergleiche und Passivrauchen, was sonst?
Es gibt zwei Wege, mein Herz zu gewinnen: So tun, als würde man die gleiche Musik mögen wie ich oder vor dem Berliner Hauptbahnhof einen Aktionsstand aufstellen und fordern, Obama müsse gestoppt werden, da seine faschistische Politik in einem Atemzug mit der Hitlers zu nennen sei.

Um die Komik der Situation voll und ganz wertzuschätzen, muss man wissen, dass ich zwei Obama T-Shirts besitze, beide seiner Bücher als Heilige Schriften behandle und mich persönlich beleidigt fühle, wenn er in einem Zeitungsartikel auch nur ansatzweise kritisiert wird. Wenn er zu Recht kritisiert wird, bin ich besonders beleidigt. Er ist die Nummer 1 auf meiner heiß umkämpften Bromance-Liste1. Ich würde mich für ihn in eine Kugel werfen. Ich würde selbst mit einer Pistole auf ihn schießen, um mich dann für ihn in die Kugel werfen zu können. Herrgott, er spielt Basketball. Er kann bei einer Benefizveranstaltung einen Al Green-Hit ansingen, ohne, dass es peinlich ist. Und er ist in 99% aller Fälle die coolste Person im Raum!

Doch von alldem wusste die Politaktivistin vor dem Bahnhof natürlich nichts, als sie mich mit der raffiniertesten aller Fangfragen köderte: »Hey, bist du ein politischer Mensch?« Da kotzt man natürlich schon. Schließlich wollte ich meine 15 Minuten Wartezeit damit überbrücken, vorm Bahnhof die Sonne zu genießen und schön passiv zu rauchen, nicht damit, mir ein schlechtes Gewissen machen zu lassen, weil ich mich nicht für ihren politischen Bums interessiere (was mich zweifelsohne als unpolitischen Mensch ausweisen würde). Dummer Weise hatte ich aus dem Augenwinkel auf einem ihrer Plakate ein Obama-Konterfei gesehen und ließ daraufhin ungewollt den Hauch eines Interesses erkennen, von ihr politisch aufgeklärt zu werden.

Halb sank ich also, halb zog sie mich in ein Gespräch, in dem sie mir gleich zu Beginn Obamas Hitlerhaftigkeit darlegte mit dem Verweis auf seine Gesundheitsreform, die systematisch bestimmten Menschen die Gesundheitsversorgung verweigere. Dieses belege z.B. auch ein Video im Internet, in dem ein Junge im Rollstuhl seinen Kongressabgeordneten anschreie, weil er keine Versorgung bekomme. Ich ließ erkennen, dass ich den Vergleich mit einem Diktator, der Menschen in Konzentrationslagern vergasen ließ, etwas schwierig fände und erlaubte es mir anzumerken, dass Obamas Gesundheitsreform Ergebnis eines unschönen, aber notwendigen Kompromisses mit den Republikanern sei und wohl keinesfalls die Reform, die Obama ursprünglich vorgeschwebt hatte.

Was wusste ich schon! Diese Lesart ist selbstverständlich Propaganda der sämtlich Obama-freundlichen Medien, die ich in meiner Naivität blind übernommen habe. In bester Verschwörungstheoretiker-Manier argumentierte die Politaktivistin, sie und ihre Organisation (sie sprach gerne von »wir«) wüssten es besser, denn sie hätten direkte Kontakte, sie säßen quasi direkt mit im Kongress und wüssten, dass es eins zu eins genau die Gesundheitsreform geworden sei, die Obama schon immer haben wollte. Ich fragte, woher sie das so genau wissen könne. Nun ja, sie hätten eben Kontakte, z.B. zu dem Kongressabgeordneten xy, den sie auch unterstützten (zu sehen auf einem weiteren Plakat des Standes). Ich fragte, welcher Partei dieser xy angehörig sei. Sie sagte, dass tue nichts zur Sache, es gehe nicht um Parteipolitik, sondern darum, eine bessere, gerechtere Politik zu machen.

Ich entgegnete, dass wir uns in dem Punkt einig seien und es mich doch interessiere, zu welcher Partei xy gehöre. Sie sagte, er sei Republikaner, was aber, wie sie ja schon gesagt habe, nichts zur Sache tue. Viel wichtiger sei es, sich nicht wie ich von den gleichgeschalteten deutschen Medien manipulieren zu lassen. Ich verwies auf einen Artikel, der meine Version unterstütze und im amerikanischen New Yorker erschienen sei. Daraufhin wechselte sie geschickt das Thema – außer mir hatte es keiner von uns beiden Gesprächsteilnehmern bemerkt.

So ging es also einige Male lustig-absurd hin und her, ich lernte, dass Obama definitiv einen Krieg gegen den Iran im Schilde führe und man das Bankensystem umordnen müsse, dass dieses aber, wie alles andere, was sie mir ausführte, ja wohl »zu schwer« für mich sei. Ich gebe zu, es wurde mir dann – und ich sage es so explizit – zu bunt.

Um das Ende vorweg zu nehmen: Ich unterschrieb ihre Petition nicht, aber sie hatte es immerhin geschafft, die 20% von mir, die nicht pausenlos lachten, ernsthaft zu verärgern. Zum Abschied verlor ich vollkommen die Beherrschung und beschied sie, ich würde politisch engagierten Menschen auf der Straße an dieser Stelle normaler Weise »Viel Erfolg« mit ihren Bemühungen wünschen, doch in ihrem Fall fiele mir das schwer, da ich die von ihr vertretenen Thesen doch für – und in dem Moment hob ich meine Stimme, um auch von Umstehenden gehört zu werden – reichlich hanebüchen hielte. (Yeah, worddrop… hanebüchen! Pick your battles, bitch!)

Dann schüttete ich ihr den Inhalt meines Cocktailglases ins Gesicht (ich hatte keinen Cocktail), machte auf dem Absatz kehrt (ich trug keine Absätze) und schritt majestätisch von dannen. Etwa zwei Meter, bis zum Eingang der Bahnhofshalle, den zu durchschreiten sich nicht ohne ein vorheriges, weniger majestätisches Anhalten-und-warten-bis-die-Türen-sich-voll-geöffnet-haben bewerkstelligen ließ. Geschenkt, ich war zufrieden – ich hatte es ihr ganz schön gezeigt. You’re welcome, Mr. President. Always at your service, Sir!

O-ba-ma! O-ba-ma!

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  1. Bromance (oder auch man-crush on): Als heterosexueller Mann einen anderen Mann in völlig überzogener, aber nicht-sexueller Weise verehren. Die Bromance-Liste eines werten Freundes umfasst beispielsweise u.a. Robin Van Persie, Ryan Gosling und André Schürrle; zu meiner gehören Allen Iverson, Ron Swanson (Charakter aus der großartigen Serie Parks and Recreation; again, I need a life) und Aloe Blacc, neben anderen.
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