Scherzende Männer – Ein antizyklischer* Beitrag zur Geschlechterdebatte
Männer sind heutzutage: verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und melancholisch – zumindest, wenn man Nina Pauers Artikel Die Schmerzensmänner folgen möchte. Der Beitrag ist im Januar in der ZEIT erschienen und hat in den Feuilletons und in der Blogger-Szene eine interessante und überfällige Debatte ausgelöst. Im Kern kreist sie um Grönemeyers Frage: Wann ist ein Mann ein Mann?1

Als Psychologe und Holzfäller im Herzen möchte ich etwas zu der Diskussion beitragen. Ich habe mich tagelang in der Unibibliothek eingeschlossen und zu dem Thema recherchiert Ich war mit dem werten Freunde O. beim Zweitliga-»Spitzen«spiel Union Berlin gegen MSV Duisburg.

Das Stadion »Alte Försterei« in Köpenick liegt sanitär-strategisch günstig an einem Waldgebiet und wurde in den vergangenen Jahren unter tatkräftiger Mithilfe der Fans generalüberholt. Ein handgemaltes Schild markiert den verwaisten VIP-Bereich, der niemals verkehrte Geruch von Bier und Bratwurst liegt in der Luft. Geiler Scheiß. Wir kennen keinen der Spieler, aber tun, was Männer tun im Stadion: Bier trinken, Fangesänge mitsingen, auf den Schiedsrichter schimpfen und Hauptsache grölen, wenn die Union-Fans grölen.

Verkopft? Geht so. Melancholisch? Eher nicht. Nervös? Höchstens, als wir einen Elfer bekommen und ihn daneben setzen, verdammt! Wir sind echte Männer unter echten Männern, die bei einem mittelmäßigen Zweitligakick mehr Emotionen zeigen, als in 25 Jahren Ehe zusammengenommen. Frau Pauer hätte ihre Freude gehabt – von Verweichlichung keine Spur.

Natürlich waren wir an dem Abend auch ironisch unterwegs. Kein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, wird sich ernsthaft über jeden einzelnen Pfiff, der gegen die eigene Mannschaft geht, in dem dort angetroffenen Maße echauffieren können. Doch die Betonung liegt auf auch ironisch. Wir sind beide keine Union-Anhänger oder stünden im Verdacht, die Echtleben-Entsprechung von Robert DeNiros The Fan2 zu sein, und trotzdem:

Die archaische Simplizität von »Wir gegen die« und das male bonding-Moment von Bier und Scheiß-Mitgrölen haben etwas Bestechendes – Kopf ausschalten, keine Rücksicht auf Etikette nehmen, die Alltagsprobleme an der Stadionkasse zusammen mit den zehn Tacken Eintritt abgeben.3

Frau Pauer argumentiert: Die Frauen des Feminismus wollten Männer, die einfühlsamer und offener sind als die Machos und Patriarchen der Väter-Generation – bekommen haben sie verunsicherte Weicheier, die hauptsächlich um sich selbst kreisen und kompliziert sind, aber dafür total verständnisvoll.

Eine Generation von Schmerzensmännern, weit übers Ziel hinausgeschossen in Sachen Einfühlungsvermögen: Sie können Empathie nicht nur buchstabieren und etymologisch herleiten, sie wissen sie auch anzuwenden, um die Beziehung für beide Partner noch inniger zu gestalten. Man möchte daneben kotzen als postemanzipierte Frau.

Dabei können sich die Damen die wertvolle Kotze sparen, denn die Formel für männliches Glück ist überhaupt nicht kompliziert: Zwei Typen, zwei Basketbälle, ein Korb – mehr brauchten der werte Freund C. und meine Wenigkeit nicht, um vor einigen Wochen das erste gute Wetter des Jahres zu genießen. Ein paar Körbe werfen und schlechte Schwanzwitze machen, an der frischen Luft sein und, naja, herumrennen… es ist so einfach wie perfekt.

Ist die These von der Verunsicherung des postmodernen Mannes also vollkommen aus der frischen Luft gegriffen?

Fairer Weise möchte ich – abseits von Bratwurst- und Basketballherrlichkeit – nicht unterschlagen, dass ich tatsächlich mit mehreren Freunden einen fortlaufenden, augenzwinkernden Dialog darüber unterhalte, was Männlichkeit heutzutage bedeute.

So bereitet es C. und mir beispielsweise einen Heidenspaß, dem anderen mit großer Geste und noch größeren Worten von besonders männlichen Dingen zu berichten, die wir gesagt oder getan haben: einen neuen Fußboden verlegen, schwere Sachen bei einem Umzug schleppen, schwerwiegende berufliche Entscheidungen treffen und dergleichen mehr.

Wir haben für den Austausch über solch männliche Tätigkeiten die Holzfäller-Metapher eingeführt, welche wir auch nutzen, um uns gegenseitig zu ermahnen, »wie ein Holzfäller zu denken«, falls beim Anderen ein Verdacht auf Verzagtheit oder Zögerlichkeit besteht (was kaum seltener der Fall sein könnte, versteht sich).

Das Thema bietet ein nicht enden wollendes Potential an Komik, das man nicht ungenutzt lassen kann oder sollte. Mit dem werten Freunde F. nutze ich seit Teenager-Zeiten den Satz »Männlich von dir.«, um eine Aktion des Anderen wohlwollend zu quittieren, insbesondere solche, die absolut nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit zu tun haben. In Kombination mit einem zweiten Witze-Paradigma kann der Satz alternativ auch lauten: »Nicht zu unmännlich von dir.«4 Die regelgerechte Verwendung der Sätze führt dann idealer Weise zu Dialogen wie folgendem:

P: »Ich habe mir eine neue Schreibtischunterlage gekauft

F: »Männlich von dir

P: »In der Tat

<albernes männliches Gelächter>

Was sich in diesem spielerisch-ironischen Umgang mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit ausdrückt, ist zu einem Teil durchaus auch Irritation angesichts der ambivalenten Ansprüche, denen wir uns als Männer gegenüber sehen: nicht Macho und nicht Weichei sein sollen, aber schon bestimmt und einfühlsam, animalisch und kultiviert, dominant und verständnisvoll.

Unser zwinkerndes Auge beim Ausloten von »Männlichkeit« lässt jedoch noch auf etwas anderes, wichtigeres als Irritation schließen: Gelassenheit.

Die widersprüchlichen Anforderungen von Seiten der Frauen verwirren uns sicherlich manchmal oder verärgern uns sogar, doch erschüttern können sie uns nicht. Denn letztlich spiegelt sich in unseren bisweilen verunsicherten Versuchen, ihnen gerecht zu werden, nur das wider, was ohnehin die essentielle Erfahrung des Menschen in der Postmoderne ist: Identitätsbildung in einer supervernetzten, atomisierten Gesellschaft kann ganz schön anstrengend sein.

Wer bin ich und wer möchte ich sein: als Tochter, Schwester und Freundin; als Deutscher mit oder ohne Migrationshintergrund; als Angestellter oder Selbstständiger; oder eben als Mann oder Frau?

Seit wir Mitt- bis EndzwanzigerInnen alt genug sind, uns diese Fragen zu stellen,  müssen wir sie in und mit einer hyperkomplexen Welt aushandeln. Wir sind mit einer (gefühlten) Unendlichkeit von Handlungs- und Lebensmöglichkeiten gleichermaßen gesegnet und geschlagen; ständig sich widersprechende Impulse, Ziele und Ansprüche gegeneinander abzuwägen, ist für uns so selbstverständlich wie regelmäßig Ein- und Auszuatmen. Und so ist die Geschlechtsidentität nur ein Puzzleteil von vielen – wenn auch eines der wichtigsten – in dem Bild, das einmal unser möglichst selbstverwirklichtes Ich darstellen soll.

Da dieses Puzzeln und Abwägen auf Dauer recht erschöpfend sein kann, balancieren wir es gerne mit einer halbironischen Haltung zu den Dingen aus: Take it very seriously but don’t take it seriously at all, wie es zum Millenium in einer Adidas-Werbung hieß. Das hilft uns, die vielen Seelen in unserer Brust einigermaßen synchron schlagen zu lassen und wenn dieses nicht gelingt, doch zumindest zu den Polyrhythmen unseres Ichs lässig mit dem Kopf zu nicken.

Denn eines haben wir durch das Aufwachsen in einer hyperkomplexen Welt auch gelernt: Die Erscheinungsformen von menschlichem Leben sind bunt und vielfältig. Wahrnehmungs- und Deutungsmuster wie die Dichotomie männlich/weiblich helfen uns  dabei, ein bisschen Ordnung darein zu bringen, aber es ist klar, dass nicht alle Menschen exakt unter eine von zwei Schablonen passen.

Ich finde die halbironische Distanz zur Geschlechterfrage und die Anerkennung (und das Aushalten) von menschlicher und eigener Komplexität ziemlich praktisch, denn es erlaubt uns eine entspannte Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Wann ist ein Mann ein Mann?

Wenn mich jemand an einem Freitagabend anruft und einlädt, ihn entweder in die Philharmonie oder zu Union Berlin zu begleiten, dann werde ich sieben von zehn Mal das Konzert vorziehen – aber drei Mal auch mit ins Stadion gehen. Eine schmerzhaft ausgekugelte Schulter entlockt mir keine Träne, ein gefühlvoll improvisiertes Saxophon-Solo oder eine dramatische Filmszene manchmal schon. Dieselben Hände, die vormittags auf einen Boxsack einprügeln, können abends einen Gedichtband halten.

Einfach gesagt: Machen, wozu man Lust hat, und einen Fick darauf geben, ob es traditionellen oder postmodernen Vorstellung von Männlichkeit oder Weiblichkeit entspricht – dann ist ein Mann ein Mann; eine Frau eine Frau; ein Mensch ein Mensch.

Frau Pauer indes möchten wir empfehlen, das Grönemeyer-Album gegen den großartigen Shaft-Soundtrack einzutauschen; dort finden wir eine weitere Antwort auf die Frage, wie der gestörte Geschlechterdialog wieder funktionieren kann. Schon vor über 40 Jahren wusste der ultracoole, ultramännliche Soulsänger Isaac Hayes über den ultracoolen, ultramännlichen Privatdetektiv John Shaft zu berichten:

He’s a complicated man / But no one understands him but his woman.

Ultracool, ultramännlich, kompliziert und von Frauen verstanden? You’re daaamn right.

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*[Anm. d. Red.: Wenn wir im SoWi-Unterricht etwas gelernt haben, dann dass der kluge Bauer antizyklisch handelt: Wenn das Angebot an Schweinen die Nachfrage weit übertrifft, baut er extra viele neue Schweine an. Warum das? Er weiß, dass die Mehrheit der Bauern wegen des Überangebotes deutlich weniger Schweine anbaut und so im nächsten Jahr ein Unterangebot entstehen wird, dass dem klugen Bauern mit seiner reichlichen Schweineernte saftige Gewinne bescheren wird.

Bloggen ist im Wesentlichen nichts anderes als Schweineanbau, daher empfiehlt es sich, Texte antizyklisch zu veröffentlichen, um sich eine hohe Aufmerksamkeit zu sichern. In dem Sinne präsentieren wir diesen Beitrag zur Debatte um die »Schmerzensmänner« einige Monate nachdem sie den Scheitelpunkt ihrer medialen Aufmerksamkeit längst überschritten hat. Das, und wir waren lange Zeit zu faul zu beschäftigt, um die Rohfassung des Textes in eine ansprechendere Form zu bringen.]

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  1. So gut es ist, dass die Debatte geführt wird, so sehr ist es ein Versäumnis, dass (meines Wissens) praktisch ausschließlich Heteros über Heteros debattieren. Wie kann in 2012 ein Diskurs über Geschlechterrollen und aktuelle Konzepte von »Weiblichkeit« und »Männlichkeit« geführt werden, ohne die Perspektiven  von Homo- und Transsexuellen zu berücksichtigen?! Als Hetero möchte ich mir nicht anmaßen, diese Perspektiven beleuchten zu können, aber ich fände es spannend, sie beleuchtet zu sehen.
  2. Fanatischer Baseballfan, der sich über alle Maßen in sein Fan-Sein hineinsteigert und am Ende bereit ist, dafür zu töten.
  3. Nicht für alle Stadionbesucher freilich würde man seine Hand ins Feuer legen wollen, dass ein Anschalten des Kopfes oder eine Rücksichtnahme auf Etikette jederzeit verfügbare Optionen seien. No offense.
  4. Es mag sein oder nicht, dass wir als Grundschüler bei einer Reptilien-Ausstellung (!) die wunderbare Satzkonstruktion: »Die (Schlange) ist nicht zu unheftig…!«, aufgeschnappt haben und uns 17 Jahre später gekonnt eingestreute Variationen des Satzes immer noch zum Schmunzeln bringen. Forever young, bitches!
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