Ich bin jetzt Surfer (aus den Prä-BRS-Archiven)

Ich hätte eines meiner neuen T-Shirts anziehen sollen, als ich kürzlich mit meinem man S. loszog, um »Party zu machen«1. Vielleicht das olivgrüne Shirt mit dem alten VW-Bus und den Sonnenstrahlen. Frauen mögen Surfertypen und bis auf die blonde Mähne, den sonnenverliebten Teint, die gestählten Muskeln und die happy-go-lucky-Attitüde bin ich so einer.

Hätte ich das T-Shirt angehabt, hätte die Frau in dem ersten Club vielleicht »Ja, sehr gerne« geantwortet, als ich sie fragte, ob sie etwas trinken wolle. Oder ich hätte vorher die mir unbekannten ersten drei Schritte des Flirtens machen müssen. Oder das T-Shirt. (Herrgott, immerhin hatte sie zuvor 20-25 Minuten mit ihrer Freundin ständig in unserer ziemlich unmittelbaren Nähe getanzt, also praktisch alles getan, bis auf einen Heiratsantrag zu stellen. Make up your mind, bitch.)

Am Wochenende zuvor hatte sich eine Idee, deren Zeit lange gekommen war, endlich Bahn gebrochen: Mir war klar geworden, dass ich dieses Jahr wieder T-Shirts tragen würde.

Im vergangenen Jahrzehnt (!) habe ich T-Shirts zu reinen Funktionsträgern degradiert, bis zu dem Punkt, wo ich ausschließlich weiße T-Shirts besaß, alle von derselben Marke, alle gleich langweilig. Ihre Funktion: unter meinen glamouröseren, feinen Hemden nicht aufzufallen und deren Lebenszeit zu verlängern in schweißgetriebener Selbst-Aufopferung. An manchen heißen Sommertagen durften sie ein wenig Tageslicht erblicken, doch auch dann meist nur irgendwie als Statthalter für die besseren Polo-Hemden, die bald hip-bunt, bald klassisch-chic daherkommen und einen jedenfalls immer »mehr anziehen«.

Die Wende kam 1989. Und letztes Jahr habe ich mir in Barcelona zum ersten Mal seit den unschuldigen XXL-Nike-Michael-Jordan-Tagen meiner Pubertät ein bedrucktes T-Shirt zum Anziehen gekauft. Ich fand Gefallen daran. Doch es sollten noch einige kalte Wintermonate ins Land gehen bis die ersten, noch verhalten ihre Kraft testenden Frühlingssonnenstrahlen meinen ästhetischen Impuls aus seiner Kältestarre befreiten. Ich fühlte mich wieder wie jemand, der bedruckte T-Shirts trägt. Also zur Tat schreiten und kaufen.

Da fangen der Spaß und das Dilemma natürlich erst an. Ich war auch deshalb zum T-Shirt-Purist geworden, weil ich viele T-Shirts, die nicht einfach nur einfarbig sind oder leicht nachvollziehbare, farbige Muster haben, affig finde. Der kalkige PC-Nerd, der 12 Stunden am Tag vor seinem Computer hängt und auf der Party das »Highschool Football – Hickory High – Since 1955«-Shirt trägt. Der unlockere Bausparer, der absolut locker das Zeugnis seiner Unlockerheit spazieren trägt, indem er der Welt auf seinem T-Shirt mitteilt: »I love Vagina«. Alles mit Adlern. »Zicke«. Alles mit saufen und verplant sein. Ed Hardy. Da kotzt du doch.

Aber ab und zu sieht man natürlich auch gute T-Shirts. Es kommt auf zwei Sachen an: Wie sieht das T-Shirt als solches aus? Hat der Druck einen coolen Style, sind die Farben stimmig? Was sagt es aus, will es zu angestrengt eine Message kicken wie ‘n Postbote? All diese Dinge. Zweitens: Wer trägt es und wie? Nimmt man der Person das T-Shirt ab, stimmt der Gesamtstyle? Can he pull it off?

Diese Gedanken hatte ich im Hinterkopf und wurde also bei H&M & Co nicht fündig. In einer Seitenstraße stieß ich dann auf einen kleinen Laden namens »Kaufrausch« und ging aus openness to experience rein. Die Auswahl war nicht riesig, doch ein paar Shirts mit Motiven, die willkommene Assoziationen zu Musik und DJ-Kultur wecken, bestanden den Test. Ich kaufte, wie von Sinnen, vier auf einen Streich. I’m back.

Der zweite Club: entnervende Alternative/Indie-Mucke, überschaubar bevölkerte Tanzfläche, das »Nein, danke« der werten jungen Dame aus dem ersten Club noch im Ohr … not so good times. Ich war kurz davor, einen baldigen Rückzug vorzubereiten, als mir zwischen den gerne schwarz gewandeten Indie-Jüngern ein bekanntes Gesicht auffiel: die Nummer 2 auf meiner alltime heiße-Frauen-in-der-Uni-Bibliothek-Liste. (Es gibt zwei Möglichkeiten, nicht wahnsinnig zu werden, wenn man Monat um Monat in der Bibliothek verbringt und an seiner Diplom-Arbeit schreibt: sich von einem befreundeten Psychiater Stimmungsaufheller besorgen oder alltime heiße-Frauen-Listen machen. Ich kenne keine Psychiater, also.)

Nun, als ihre Freundin für einen Moment weg war und sie, die Nummer 2, vogelfrei auf weitem Floor, sprach ich sie an. Sie wirkte nach den ersten beiden Sätzen nicht überinteressiert an der zugegebenermaßen noch recht niedertourigen Konversation. Ihr dritter Satz, natürlich: »Ich habe übrigens einen Freund.« Ich wies es empört von mir, sie mit solchen Absichten angesprochen zu haben. Absolut platonisch-freundschaftliches Interesse! Dann wünschte ich viel Erfolg bei der Jobsuche und alles Gute für die Beziehung, wobei ich eine Handgeste machte, die sie hoffentlich als ironisch/selbst-ironisch verstand.

Ich bin jetzt Surfer.

[Anm. d. Red.: Anlässlich des bevorstehenden Frühlings, der uns bald wieder T-Shirts tragen lässt, haben wir in den Archiven gewühlt und diesen Text aus der E-Mail-Korrespondenz mit der werten Freundin L. gefunden. Er ist im März 2010 entstanden und liegt hier in editierter Fassung vor.]

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  1. Ich kann mich an manche Sachen einfach nicht gewöhnen, egal, wie oft ich ihnen begegne. An mutwillig verteilte Hundehaufen auf Bürgersteigen nicht, und nicht daran, wenn Leute sagen, dass sie »Party machen«, den »Dancefloor rocken« oder »gechillt« haben. Beides, Hundescheiße und im Brustton der Überzeugung (jung und cool zu sein) stolz benutztes Spacko-Vokabular, löst bei mir in etwa dieselbe Reaktion aus: Unverständnis, Unbehagen und Ekel.
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