Occupy Freedom: Balkon-Basilikum und eine neue Bürgergesellschaft – Ein Privatier parkt aus
Von den alltäglichen Zumutungen mit denen sich ein Privatier herumschlagen muss, ist die Frage, ob die vormittägliche Sonne auf dem Balkon schon stark genug sei, um dem frisch angepflanzten Basilikum die Blätter oder dem frisch trainierten eigenen Körper die Haut zu verbrennen, überraschender und bestürzender Weise nicht die gravierendste.

Die harsche Realität ist, dass wir noch immer in einem Land leben, welches mit Vorliebe Relikte aus dem vergangenen Jahrhundert subventioniert (Kohle, Benzinautos, Industriezucker, deutsche TV-Produktionen mit »Feuer« oder »Sehnsucht« im Titel), aber sich standhaft weigert, die von mir inzwischen mehrfach geforderte Privatier-Pauschale einzuführen. Dabei reden wir nicht von einer reinen Umdefinition der existierenden Arbeitslosen-Gelder I und II – es geht um nicht weniger als einen neuen Gesellschaftsvertrag. Natürlich.

Das ALG I ist als temporäre Übergangshilfe konzipiert, um einen Erwerbsfähigen dabei zu unterstützen, sich möglichst schnell wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren; das ALG II dient der Existenzsicherung. Keines von beiden ist privatierfreundlich: Ersteres aufgrund seiner zeitlichen Beschränkung und des drohendes Subtextes, man möge dem Staat nicht zu lange auf der Tasche liegen, Letzteres wegen der geringen Bezugshöhe, die die Existenz, nicht aber ein angemessenes Privatierdasein ermöglicht.

Daher brauchen wir eine Gesellschaft, die sagt: Wir glauben an das geistige Potenzial, die Kreativität, und an den Gestaltungswillen unserer Mitglieder und deshalb ermöglichen wir es Menschen, sich außerhalb von klassischen Beschäftigungsverhältnissen zu verwirklichen und so Werte zu schaffen, die andernfalls nie entstehen würden. Und daher präsentieren wir mit Stolz… die Privatier-Pauschale!

Auf der anderen Seite brauchen wir Privatiers in spe, die sagen: Ich möchte ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben führen, welches ich der individuellen Verwirklichung genauso verschreibe wie der Wahrnehmung meiner Verantwortung als Bürger dieser Gesellschaft. Ich möchte nicht auf Kosten des Staates rumpimmeln und nichts leisten, aber ich will mein Leben auch nicht in einem Hamsterrad verbringen, selbst wenn es ein goldenes ist. Und daher… nehme ich die Privatier-Pauschale an!1

So, der neue Gesellschaftsvertrag, darunter machen wir es heute nicht. Das war natürlich auch ein langer Weg, um vorsichtig anzudeuten, welches die noch größere Zumutung im Leben eines jungen Privatiers ist: Das Geld. Oder der Mangel an.

Wir wissen: Geld hat man, man redet aber nicht darüber. Einem beliebten logischen Fehlschluss2 folgend, muss ich also besonders viel darüber reden, da ich zurzeit wenig habe. Um in der Hinsicht Abhilfe zu schaffen, komme ich nicht umhin, nach Jobs zu suchen (davon ausgehend, dass es mit der Privatier-Pauschale bis 2013 erstmal nichts wird – sich innerhalb einer Legislaturperiode um die Belange von Hoteliers und Privatiers zu kümmern, wäre auch zu viel verlangt.)

Nach Jobs suchen. Ugh. Die Freude, die dieses bereitet, ist ungefähr mit jener zu vergleichen, sich an einem heißen Sommertag durch die überfüllten Geschäfte einer durchschnittlichen deutschen Innenstadt zu schleusen, um nach einer dringend benötigten neuen Hose zu suchen. Man weiß auf einem abstrakten Level in etwa, was man sucht, aber kann nicht genau sagen, wie es dann konkret aussehen soll. Man kann sich bei verschiedenen Optionen vorstellen, dass sie vielleicht einigermaßen passen könnten, aber von denen, die man bisher an-/ausprobiert hat, saß keine wie auf den Leib geschneidert.

Je länger man sucht, desto nerviger wird es. Die Vielzahl von Optionen macht es nicht etwa leichter, sondern schwerer. Die Optionen sind in der Überzahl, sie haben einen umstellt. Außerdem sieht man unter den Neonstrahlern in der Umkleide fett und blass aus.3 Eigentlich möchte man sich doch nur bei Starbucks einen überteuerten Frappuccino holen, in der Sonne sitzen und Leute gucken, verdammt. Muss das denn ausgerechnet heute sein mit der Hose…?!

Tja, ein einziger Gordischer Knoten, das. Beziehungsweise zwei: Jobsuche und Hosensuche. Vielleicht zerschlägt man sie beide auf einen Streich, wenn man Hosenverkäufer wird. Eine gute Frage an Hosenverkäufer: Setzt man in diesem Job das Raum-Zeit-FuckvieleOptionen-Kontinuum außer Kraft und gleitet lässig in perfekt sitzenden, smoothen Leinenhosen durchs Leben?

Es ist das alte Lied unserer Zeit, meiner Generation4: Gefühlt gibt es so viele Möglichkeiten, was man aus seinem Leben machen könnte, dass es manchmal unmöglich scheint, mit einer Wahl glücklich werden zu können.

Wenn man sich mit jeder Entscheidung für eine Sache gleichzeitig immer gegen beliebig viele andere Sachen entscheiden muss, werden die Opportunitätskosten, die durch die vermuteten verpassten Möglichkeiten notwendig entstehen, extrem hoch. So hoch, dass ein sich-offen-halten (scheinbar) aller Möglichkeiten für eine Weile als Ausweg aus dem Dilemma erscheinen kann.5 (Schön, wenn es tatsächlich nur ein Dilemma wäre, bei dem man sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden müsste. Fuck Multilemma.)

Als junger Privatier bin ich vor diesen Unbilden nicht gefeit. Auf der einen Seite möchte ich mich für einen Job/eine Karriere/einen Lebensweg entscheiden und eine klare Perspektive haben. Auf der anderen Seite fühle ich mich schon bei dem Gedanken, mich einer Sache (von der ich nicht vollkommen überzeugt bin) über mehrere Jahre zu verpflichten, extrem eingezwängt und in meiner Freiheit beschnitten. Und man sollte sich nie in seiner Freizeit beschneiden, das sollte wenn unter medizinisch-hygienischen Bedingungen geschehen. Was?

Jedenfalls gibt es eine hervorragende Taktik, um diesem Problem zu begegnen: <schließt die Augen, steckt die Zeigefinger in die Ohren> LALALALALALALALALALALALALA. Oh Moment, das war die andere Seite dieser Taktik-Medaille. Was ich eigentlich meinte: Intellektualisieren.

Es gibt wenige Probleme auf der Welt, die nicht gelöst worden wären durch unmäßiges Intellektualisieren, Beleuchtung von allen Seiten und Rückführung auf die großen, gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen einer jeweiligen Zeit. Gerade heute noch bin ich mit dieser Taktik der challenge begegnet, aus der großen Auswahl von Keksen diejenigen zu identifizieren, die ich mir optimaler Weise selbst zum Cappuccino reichen sollte. Lest diesen Satz noch einmal.

Das Gebot der Stunde kann also nur heißen: Du sollst dir kein Bild von Gott machen. Denn es wäre eine arge Zeitverschwendung, stundenlang vor einem leeren Blatt Papier zu sitzen und zu versuchen, sich auf verschiedene Weisen etwas vorzustellen, was nicht existiert.6 Stattdessen sollte man seinen sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und lebensklug umsetzen, was wir ja längst wissen: Freiwillige Selbstbeschränkung ist die neue Freiheit. Addition by substraction. Also: Zugewinn an Handlungsfreiheit durch bewusste Verringerung von Handlungsoptionen.

Dafür möchte ich mich einsetzen und ich kann es nur jedem aus meiner Generation dringend ans Herz legen, sich diese Maxime zu Eigen zu machen, denn Gott weiß (bzw. wüsste, Konjunktiv II!), ich werde es nicht tun! Da wäre ich ja schön blöd, hör mal, wenn ich mir selbst auch nur einen Stein in einen der vielen Wege legen würde.

Aber die Welt wäre bestimmt ein besserer Ort, wenn ihr schon mal damit anfangt. Ihr wisst ja: Man soll immer bei sich selbst damit anfangen (anderen gute Ratschläge zu geben, die man selbst nicht befolgt). Ich habe mir für diese Freiwillige Selbstbeschränkung-Bewegung auch schon einen Namen überlegt: Occupy Freedom.

<man hört das Knattern von Rotoren, ein schwarzer CIA-Hubschrauber steigt wie aus dem Nichts neben dem Balkon auf, die Fensterscheiben zerspringen>

Ok, ich muss Schluss machen… Mir geht’s abgesehen von diesen kleineren existentiellen Fragen jedenfalls gut, danke. Ich habe mir vorhin ein Steak gebraten, und es ist medium geworden, wie gewünscht. Das Haar sitzt, das Deo hält und der Basilikum-Topf ist noch nicht eingegangen. Ich bin während des Schreibens sogar braun geworden ohne zu verbrennen. Yeah!

Jetzt werde ich mich noch ein bisschen freiwillig selbst be- äh… schränken und nenne es dann einen Tag. Small victories, man. Small victories.

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  1. Die unschönen technischen Details verbannen wir lieber in die Fußnote: Klar, um sich vor Trittbrettfahrern zu schützen, dürfte die Privatier-Pauschale nicht unbefristet und unbedingt gelten, und ja, eigentlich bräuchte man Kontrollinstanzen etc. Das ist nicht der Punkt. Wir entwerfen gerade das Selbstverständnis einer neuen Bürgergesellschaft, nicht die Architektur eines neuen Bürokratie-Monsters.
  2. Alle Schwäne sind weiß. Der Vogel vor mir ist kein Schwan. Also ist er nicht weiß.
  3. Ich möchte auf organische Art und Weise versuchen, den Frauenanteil unter meinen Lesern zu steigern, indem ich Texte auch für hochqualifizierte Frauen interessant mache. Eine starre Quote fände ich falsch und sozialistisch. Für sinnvoll hingegen halte ich eine Prämie für Frauen, die zu Hause bleiben, um meine Texte zu lesen, und so das Ideal der klassischen Kernfamilie leben.
  4. Wenn jemand Aussagen über eine ganze Generation machen möchte, sollte man immer skeptisch sein und sofort viele Beispiele finden, warum die Aussage höchstens tendenziell oder nur für Subgruppen gültig ist. Stimmt, geschenkt.
  5. Anm. d. Red.: Ähnlichkeiten zur aktuellen Lebenssituation des Autors sind zufällig und unbeabsichtigt.
  6. Mit Entschuldigung an die 7 Leute in Deutschland, die noch glaubten, dass es Gott gibt. Verzeihung. Ihr habt immer noch den Weihnachtsmann und die Vorstellung, dass man Euch nicht sieht, wenn ihr Euch selbst die Hände vor die Augen haltet. Wie oben demonstriert ist letzteres ohnehin eine effektivere Coping-Strategie als ääh… Gott. (Anm. d. Red.: Falls es Sie doch geben sollte, Mr. Gott, Sir, bitten wir Sie zu Kenntnis zu nehmen, dass diese Sätze lediglich die Meinung des Autors ausdrücken. Wir haben damit nichts zu tun.)
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