Zeitadaptive Einkaufsschemata für Bananen und weitere Umwälzungen – Ein Privatier parkt aus
Nennt es bedingungsloses Grundeinkommen oder Bürgergeld, nennt es Privatier-Pauschale (mein Favorit) oder meinetwegen auch landläufig: Subventionierung des Masturbativen Mäzenatentums – ich fordere es jedenfalls.

Bekannter Maßen und bekennender Weise bin ich seit Anfang des Jahres Privatier. Ich finanziere mich selbst ohne zu arbeiten und kaufe mir so freie Zeit, die ich nutzen kann, um Dinge zu tun, die mir Spaß machen. Der Fachterminus dafür ist Masturbatives Mäzenatentum (in der einschlägigen Literatur oft auch als »MaMäz« zu finden) – man hält sich selbst aus, ist sein eigener Mäzen.

Das – in Abgrenzung zum MaMäz – Klassische Mäzenatentum (»KlaMäz«) hat die Welt um viele großartige Kunstwerke bereichert, wie Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kappelle oder Beethovens Sinfonien. Ohne das KlaMäz wären Vergils Aeneis und Dantes Göttliche Komödie nicht entstanden und wir würden vermutlich immer noch auf einer Erdscheibe leben, um die sich der Rest des Universums dreht.

Allein, das KlaMäz ist nicht so ein liberaler Ruderverein wie es uns traditionell viele Rudervereine weis machen wollen. Künstler und sonstige Schaffende von wohlhabenden und –meinenden Privatleuten finanzieren zu lassen, anstatt von staatlichen Subventionen, hat natürlich einen sehr liberalen Anstrich. Sehr wenig liberal ist es aber aus Sicht des Künstlers, als autonomes, selbstbestimmtes1 Individuum vom Wohlgefallen eines Gönners abhängig zu sein.

Gibt es daraus eine zwingendere Konsequenz als die liberale Forderung nach einer staatlichen Privatier-Pauschale? (Und wussten wir nicht schon immer, dass Kategorisierungen wie »liberal«, »konservativ« und »sozial« mehr der politischen Identitätsstiftung dienen, als dass sie sinnvolle Begriffe zur Beschreibung und Bestimmung von Politik sind?) Ich sage nein. (Und ja.) Mehr Staat bedeutet in dem Fall mehr Freiheit, mehr Innovation, mehr Individuation.2

Wenn uns das Klassische Mäzenatentum die Ode an die Freude und eine kugelrunde Erde geschenkt hat, was können wir dann vom Masturbativen Mäzenatentum erwarten?

Es soll nicht unbescheiden klingen, doch beinahe in einem Atemzug mit den genannten Großtaten möchte ich beispielhaft einige der Dinge nennen, die mir mein Masturbatives Mäzenatentum in den vergangenen Monaten ermöglicht hat:

  • Zunächst mal habe ich freilich die total überschaubare Berliner Blog-Szene um diesen sehr notwendigen Blog bereichert. … <ein Heuballen weht mit langsamen Rotationen um die Querachse durchs Zimmer… eine Grille zirpt… jemand hustet>
  • Okay. Desweiteren habe ich die kränkelnde Musikindustrie durch eine Reihe von Konzertbesuchen unterstützt und die Umsätze des lokalen Cafégewerbes um durchschnittlich 5% pro Monat gesteigert. Auch konnte der Traffic auf diversen Internetseiten aus den Bereichen Basketballsport und Fernsehkritik massiv gesteigert werden.
  • Der allgegenwärtigen Ressourcen-Verschwendung unserer Wegwerfgesellschaft habe ich mit erhobenem ZeigeMittelfinger eine Lektion erteilt, indem ich mein Handy mit dem defekten Touchscheiß für 10 Minuten in den Ofen legte, um es anschließend problemlos wieder benutzen zu können, anstatt es wegzuschmeißen.
  • Einen weiteren Liebesdienst erweise ich unserer Natur damit, meinen durchschnittlichen täglichen Bewegungsradius auf ein Existenzminimum3 zu begrenzen; das Auto (das ich nicht besitze) steht seit Monaten in der Garage, die Monatskarte für die Öffentlichen (die ich mir nicht leiste) hängt unbenutzt über dem Kamin (den ich nicht habe).
  • Ich entlaste unser marodierendes Gesundheitssystem, indem ich fünf Mal pro Woche Sport mache und damit die Risiken für diverse körperliche und psychische Erkrankungen erheblich senke. Ganz davon zu schweigen, dass ich weiterhin, wie bereits mein ganzes Leben lang, aufgehört habe zu rauchen und seit einigen Wochen auch sehr wenig trinke.4

Abgesehen von diesen Makro-Impulsen für die Volkswirtschaft, die Natur und das Gesundheitssystem, hat das MaMäz auch auf dem Mikro-Level meines Lebens Entwicklungen möglich gemacht, die in einem zeitfressenden und innovationsfeindlichen Angestelltenverhältnis undenkbar gewesen wären:

  1. Ein zeitadaptives Einkaufsschema für Bananen,
  2. eine erhebliche Effizienzsteigerung in der Verwertung von handgemahlenem Espressopulver
  3. und, in derselben Produktionskette, eine weitere Effizienzsteigerung in der Verwertung des gewonnenen, konsumfertigen Espresso.

Und das ist nur die Spitze des Eis(kaffee)berges (ahaha). Eine ausführliche Beschreibung dieser Umwälzungen im privaten Genussmittelgebrauch findet sich am Ende des Textes. Die Nachahmung zu Hause oder in der Schule wird dringend empfohlen.

Zusammengenommen bedeutet das also, dass ich als Masturbativer Mäzen in wenigen Monaten mit einem Streich gleich auf mehreren Ebenen Wertvolles schaffen konnte: gesellschaftlich, wirtschaftlich, ökologisch und persönlich. Als jemandem, der in der Wirtschaft gearbeitet hat, schlägt mir da das Herz natürlich höher. Effizienz! Optimierung! Ökologie und Ökonomie Hand in Hand! Das Masturbative Mäzenatentum: eine einzige multiple-level-efficiency-optimization-Maschine.

Als sei das jemals ein Widerspruch. Adam Smith wusste es schon viel früher: Die unsichtbare Hand richtet alles in Wirtschaft und Gesellschaft, solange jedes Individuum nach seinen persönlichen Zielen strebt. Worin er nur irrte: Die Hand ist sehr sichtbar – es ist die rechte, mit der man die Kaffeemühle dreht.

Doch wie bei allem Guten außer Wurst gibt es auch beim MaMäz eine Schattenseite: die relative Endlichkeit des Privatvermögens. Dieses ist die Hasenscharte, nein Moment… der Fersenfuß?, das Pferd Achill?, also jedenfalls ein Körperteil von einem Tier des Masturbativen Mäzenatentums. Deutlicher kann ich es nicht sagen. Also das: Das Masturbative Mäzenatentum ist so ressourcenschonend für das eigene Konto wie ein Dodge Ram aus den 80er Jahren für die Erdölreserven, und das ist sein großes Pferd Achill. Soo.

Dahinter steckt natürlich die Regierung, die künstlich die Espressobohnen-Preise hochtreibt, um den freiheitsliebenden Masturbativen Mäzenen den fruchtbaren Nährboden auszutrocknen. Je teurer die Bohnen, desto kürzer die Zeit, die man als Masturbativer Mäzen bestreiten kann.

Und an dieser Stelle fordere ich ein radikales Umdenken von unserer Regierung: Anstatt uns Privatiers Steine in den Weg und Salz in den Cappuccino zu schütten, sollte sie mit den Steinen lieber schlaglöchrige Kopfsteinpflasterstraßen in historischen Innenstädten restaurieren und das Salz an Suppenküchen spenden. Die durch die Bauaufträge generierten Mehreinnahmen bei Lohn- und Umsatzsteuer können dann direkt genutzt werden um… die neue… Privatier-Pauschale zu finanzieren! Yeah!

So schließt sich der Kreis also, Mr. Bond, und wir haben zwei bis drei Vögel mit einem Stein getötet (es waren nur hässliche Tauben, die die Schweinegrippe übertragen). Mit einem Stein, der den Masturbativen Mäzenen nicht im Weg liegt, sondern ihnen den Weg zu einem schönen Café in der historischen Innenstadt erst möglich macht. Alle gewinnen. Deutschland gewinnt. Ein einziges Sommermärchen, wenn es jemals eines gegeben hat.

Doch seien wir realistisch: Bis die Privatier-Pauschale ihren Weg durch die Sonderausschüsse und Hinterzimmer gemacht hat, werden noch einige Tage Monate ins Land gehen, das kennen wir ja. Monate, in denen ich mein Masturbatives Mäzenatentum nicht aufrecht erhalten werden kann und als stolzer Privatier die Hallen Höhlen der deutschen Sozialbürokratie betreten werde, um sie geschlagen als <schluckt> »Arbeitsloser« zu verlassen.

Aber ohne Zweifel werde ich meinen hehren Kampf für das MaMäz als sleeper in diesen unmenschlichen Institutionen fortsetzen. Das ist Gottes Vorsehung und außerdem schlafe ich zur Zeit ohnehin ziemlich viel.

Und was gäbe es auch für eine bessere Taktik, als sich klug scheinbar in die Abhängigkeit vom Staat zu begeben, nur um ihn auszusaugen wie ein sexy Vampir und die freie Zeit als offiziell »Arbeitsloser« a.k.a. MaMäzen in cognito/spe zu nutzen, um eben jenen sozialistischen Bevormundungs-Staat mit subversiven effizienzsteigernden Innovationen auszuhöhlen wie ein sexy Tierpräparator und ihn dann zu einem total liberalen Partner-auf-Augenhöhe-Staat umzumodeln, der seinen Bürgern ein Leben in Freiheit garantiert mittels der allenthalben und auch von mir immer wieder geforderten: Privatier-Pauschale!

Macht Euch bereit, der Kampf geht gerade erst los… Banane um Banane, Bohne um Bohne.

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Hier die ausführliche Beschreibung der drei obengenannten Innovationen im Genussmittelsektor:

  • Das zeitadaptive Einkaufsschema für Bananen: Die Menge an zu kaufenden Bananen in drei gleich große Teilmengen aufteilen; die erste Teilmenge sollte aus noch grünen Bananen bestehen, die zweite aus gerade passend reifen Bananen und die dritte aus Bananen im Stadium dazwischen. So kann die jederzeitige Versorgung mit gerade passend reifen Bananen für etwa eine Woche gewährleistet werden. Thank you, drive through.
  • Die Effizienzsteigerung in der Verwertung von handgemahlenem Espressopulver: Nach jedem Mahlvorgang alle Rückstände aus der Kaffeemühle entfernen und zusammen mit dem eventuell überschüssig produzierten Pulver aus der Pulverauffangschublade der Kaffeemühle in einen Plastikbeutel füllen, diesen luftdicht verschließen und diese sogenannte »Pulverüberschmier« dann beim nächsten Brühvorgang am folgenden Tag verwenden. Dabei darauf achten, dass man den Siebträger des Espressokochers zunächst mit der Pulverüberschmier füllt, um abschätzen zu können, wie viele Bohnen zusätzlich zu mahlen seien. Die Bohnenmenge entsprechend anpassen, um die Pulverüberschmier gering zu halten. You’re welcome in advance.
  • Die Effizienzsteigerung in der Verwertung des gewonnenen Espresso: In der Espressoproduktion für eine Person kommt es häufig zu Überproduktionen, die bedingt sind durch das berechtigte Bestreben, dem kostbaren Pulver ein möglichst großes Volumen an Espresso abzuringen. Die Differenz aus produziertem Gesamtvolumen (VP) und maximal trinkbarem Volumen (VTmax) ergibt das sogenannte Überproduktionsgesamtvolumen (VÜ), landläufig auch oft »wegzukippender Rest« genannt. Es gibt zwei Möglichkeiten, dieser Ressourcenverschwendung zu begegnen: Die herkömmliche inside the box-Lösung: VÜ von vornherein möglichst gering halten, durch Annäherung von VTmax an VP, was entweder zu Magenverstimmungen (bei größer werdendem VTmax) oder einer ineffizienten Nutzung der produzierten Pulvermenge (bei kleiner werdendem VP) führt. Die klimaschonende, walrettende outside the box-Lösung: Das Überproduktionsvolumen in gebrauchte (!) Wasserflaschen abfüllen und kühl lagern, um im nahenden Sommer schmackhafte und klimaneutral hergestellte Eiskaffees servieren zu können. I’m as glad I’m here, as you are.

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  1. Yup, das dramatische Momentum der Rede erfordert ein Hendiadyion.
  2. Wikipedia ist hier unser Freund; Individuation: “Es beschreibt den Prozess des Ganzwerdens zu etwas Einzigartigem, einem Individuum. Im Individuationsprozess eines Menschen wird er zu dem, was er „wirklich“ ist. Dieser Prozess beinhaltet die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten, Anlagen und Möglichkeiten. Sein Ziel ist die schrittweise Bewusstwerdung, um sich dadurch als etwas Eigenes und Einmaliges zu erkennen und zu verwirklichen (ICH-Werdung und Selbst-Werdung).” Oder mit den Worten von C. G. Jung: „Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte „Individuation“« darum auch als „Verselbstung“ oder als “Selbstverwirklichung” übersetzen.“. Lasst mich ergänzen: Hell yeah. Weitere Definitionen gibt es hier.
  3. Der Bewegungsradius, der einen außenstehenden Beobachter gerade noch unterscheiden lässt, ob es sich um einen voll funktionsfähigen menschlichen Organismus handelt oder um einen Sack Reis (bzw. in meinem Fall natürlich: ein Stück Fels aus hartem Stahl, zu einer Y-Form geschmiedet).
  4. Was man freilich auch gegen das MaMäz ins Feld führen könnte – wann war es jemals ein Fortschritt, aus finanziellen Gründen weniger (bis gar kein) Alkohol zu trinken? Wann kommt endlich die Privatier-Pauschale, verdammt? Ich schreibe mit zittrigen Fingern.
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  1. Pingback: Occupy Freedom: Balkon-Basilikum und die neue Bürgergesellschaft – Ein Privatier parkt aus | PIECES OF A MAN

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