Leben zwischen Sozialstaatslüge und Shotguns – Ein Privatier parkt aus
Ich bin seit Anfang des Jahres zwischen Jobs. Genau genommen gerade eher: nach Jobs. Meine letzte Stelle habe ich zum Ende vergangenen Jahres gekündigt und seitdem mit schwankendem Engagement nach einem neuen Job gesucht. Das Schwanken habe ich inzwischen in den Griff bekommen – das Engagement war in den letzten Wochen ziemlich konstant auf niedrigem Niveau.

Über diese erfolgreiche Kursstabilisierung und weitere success stories aus den letzten Monaten möchte ich berichten. Was ich nicht möchte: über die Zumutung, die die Jobsuche ist, reden. (Ich sage nur: Internetsuchmaschinen, Identität in postmodernen Arbeitsgesellschaften, eine Vielzahl von Optionen, die gefühlt unendlich genug ist, um zu lähmen und gleichzeitig sehr endlich wird, wenn man sie von Nahem betrachtet, der arm aber sexy-vibe in Berlin, und dann auch noch Syrien! Das hält man doch im Kopf nicht aus.)

Daher wollen wir über die Unsägliche den Mantel des Schweißes legen und lieber den Duft der Freiheit atmen, der einen besonders betört, wenn man an einem Mittwoch Vormittag nach dem Intervalllauf neben anderen abgekämpften Männern älteren Semesters in der Umkleide des Fitness-Studios steht.

Doch zunächst eine Begriffsbestimmung. Die Bezeichnung, die für Menschen in meiner Situation in den Medien und überhaupt am häufigsten verwendet wird, ist: Erwerbsfähige, die sich temporär nicht in einem regulären Beschäftigungsverhältnis befinden. Vermutlich, weil das so knapp und präzise ist und man mit so einem stigmatisierenden Kampfbegriff leicht populistisch gegen uns scheiß Erwerbsfähige, die sich temporär nicht in einem regulären Beschäftigungsverhältnis befinden, Stimmung machen kann. Ab und zu findet man auch den Ausdruck »Arbeitloser«, aber das finde ich zu euphemistisch, zu weich, als wollte man etwas verschleiern. Ich bin kein Mann vieler Worte und mag es, die Dinge beim Namen zu nennen, deshalb ziehe ich es vor zu sagen: Ich bin Privatier.

Nun schon im vierten Monat finanziere ich mich selbst, ohne für ein Unternehmen oder – leider! – die Mafia zu arbeiten, ohne Andere ihren Körper verkaufen zu lassen (was mehr eine Ehrenaufgabe als eine Arbeit wäre, schließlich kann man einen fedora hat dabei tragen) und ohne, dass es im Hintergrund eine reiche Witwe gäbe, die mich für meine wöchentliche »Gartenarbeit« entschädigte.

Und da ich meine letzte Stelle freiwillig, mutwillig, ja! böswillig möchte man fast sagen, gekündigt habe, versagt mir Vater Staat die Unterstützung, während sich die Herren Politiker da oben hinter ihren Mahagonischreibtischen die nächste Diätenerhöhung genehmigen, wenn die einzige Diät, die sie bräuchten, eine eat-nothing-fucking-at-all-fatso-Diät wäre, damit sie endlich ihre fetten, hummergefüllten Wohlstandsbäuche loswerden und nicht mehr unser Gesundheitssystem belasten, das wir treuen Staatsbürger mit unseren Abgaben finanzieren. So sieht es doch aus, meine Damen und Herren!

Jedenfalls lebe ich zur Zeit den neoliberalen Traum meiner Brüder im Geiste, Karl Rove und Hans-Olaf H.: ein Leben in Unabhängigkeit vom Staat, von Institutionen und Unternehmen und vor allem von den moral- und gottlosen Hippienachfolgern an ihren Ostküsten-Eliteuniversitäten. Ich nehme nichts vom Staat, ich gebe ihm nichts und wenn ein Junge im Kapuzenpullover mit Süßigkeiten in der Hand mir verdächtig vorkommt, dann erschieße ich ihn mit einer meiner zwölf Shotguns, verdammt.1

Und auch davon abgesehen habe ich als Privatier wichtige Impulse für die Wirtschaft, die Gesellschaft und mein eigenes Leben gesetzt. Dazu nächstes Mal mehr, doch für den Moment möchte ich zunächst mit Stolz sagen: Ich habe mich nicht mehr so FDP gefühlt, seitdem ich mir mit Blick auf meine verkümmerte Zimmerpflanze »mehr Wachstum« gewünscht habe. (Thank you, I’ll be here all week.) Und wer nun behauptet, mühsam Erspartes für Miete und Nudeln mit Pesto raushauen als »Privatiertum« zu bezeichnen, sei eine unzulässige Verklärung, dem schleudere ich mit Verve entgegen:

»Äähh, Moment… <blättert in seiner Dick Cheney Biographie> …ah ja: Rational begründete Argumente zählen nicht im Kampf für die Freiheit! Ha!«

Welche entscheidenden Impulse ich tatsächlich in meiner Zeit als Privatier setzen konnte, was es mit dem Masturbativen Mäzenatentum auf sich hat, und warum ich als überzeugter Neoliberaler eine staatlich subventionierte Privatierkultur fordere, darum soll es in der nächsten Ausgabe von »Ein Privatier parkt aus« gehen. Gleiche Welle, gleiche Welle, wie ich immer sage.

[Anm. d. Red.: Zu Dramatisierungszwecken hat der Autor bewusst unterschlagen, dass er ab dem nächstem Monat stärker von staatlicher Unterstützung abhängig sein wird als ein europäischer Milchbauer. Etwaige sozialistische Parolen in pieces, die im Mai erscheinen, werden damit absolut nichts zu tun haben.]

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  1. R.I.P. Trayvon Martin. Das Stand Your Ground-Gesetz in Florida ist eine Travestie. Die Hintergründe gibt es z. B. hier und hier.
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